VER- oder BEmerk-/DENkensWERT

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Denken - > Sprechen

Über- oder bedenkenswert (Pt. 22)


Diese Gedanken sind schon seit langem geformt, die Bilder existieren seitdem sie auf meinen NotizblockG wanderten. Danach sind sie aus mir entschwunden, vor ein paar Tagen habe ich sie wieder in den Gestaden ihrer Existenz aufgegriffen, damit ich sie erneut zu Bildern forme, mit dem Wissen das sie bei einer Niederschrift in der gegenwärtigen Sprache erneut gesamtheitlich verblassen werden.  
Ich empfehle eine Vorabliteratur, speziell dazu meinen Kommentar (direktverlinkt):

Frank schreibt hier Folgendes, das auf eine Vielzahl der lebenden Bipeden zutrifft:

"Wir denken mittels Sprache, Punktum. Deshalb sind Sprache und Denken an sich Werkzeuge der Welterkennung und Verarbeitung, die unser Überleben sichern sollen. In degenerierten Zeiten der Dekadenz, die fließend in die Krise bzw. den darauffolgenden Niedergang einer Kultur übergeht, ist auch die Sprache degeneriert bzw. das damit zusammen hängende Denken."

Ergänzend dazu erkläre ich mich unvollständig selbst, ich, der sich zu einer Minderzahl zählt, auf die jene Worte nicht zutreffen, nicht können und niemals dürfen. Und um es vorweg zu nehmen: jene Minderzahl sollte meiner bescheidenden Meinung nach in der Überzahl sein.* 
Ich stolperte heute "zufällig" über einen Satz - "Der Raum des Denkens ist nicht identisch mit dem Raum der Wahrnehmung." (Quelle) -, der mir den Einstieg erleichtert (und ab jetzt das Bild verwässert) [auch für diesen "Zufall" muss ich oben Zitierten danken, der einen anderen Artikel auf dieser Website heute über ein soziales Netzwerk verströmte]. Der Inhalt stimmt in dem Sinne, dass er die aktuellen Verhältnisse in der Breite überaus gut darlegt. Und das bezeichnen ich aus meiner Warte betrachtet als kritisch, denn: Ich denke in Bildern. Jedoch ist das nicht alles, was meine Gedanken beeinflusst. Das muss aber niemand wissen, mein visuell-synästhetisches-Gefühls-Ich betrifft eben nur mich, wohl auch andere Artigkeiten meiner Person (in welcher Definition auch immer). 

Wenn ich so recht überlege, denke ich gerade an ein Bild. Eine Abbildung, welche ich zu illustratorischen Zwecken in einer Verschwörungstheorie begrub. Es lebt noch, gerade jetzt, bildlich. Sprachlich erläuterte ich dort nebensächlich und sinnbildmäßig, dass ein Albert Einstein oder ein Leonardo Da Vinci "all ihre erzielten Leistungen [...] ausschließlich über die Visualisierung bzw. vielmehr über die Phantasie der Vorstellung" errungen. Das muss eine offene Schlacht zwischen der rechten und linken Hemisphäre des Großhirns gewesen sein, die wohl in einem Hin- und Her über eine Art von Balkenbrücke namens Corpus callosum mit guter Substanz ausgefochten wurde. Vielleicht benutzten sie auch Säbel statt Degen, gut möglich, dass es friedlich verlief. Bei mir funktioniert das jedenfalls nicht so prächtig, weil ich mit der Sprache der heutigen Zeit nicht so zurechtkomme. Das liegt daran: Übermäßig viele Worte sind bild- und farblos, sie sind ohne Bedeutung und/oder werden mit falscher oder keiner Intonation ausgesprochen, haben ihre ursprüngliche Bestimmung verloren. Das ist fade und wirkt mitunter geschmacklos und gefühlsneutral, um es schön auszudrücken. Drücken ist genau das, was ich augenscheinlich bei Monologphasen solcher Art gerne unternehmen würde. Zerquetschen beschreibt es besser, zermalmen und gegen die Windrichtung werfen. Vielleicht entsteht ja ein Bild, das sich auf meine Augenlieder legt? Was bleibt mir also anderes übrig außer ständig umzudenken? Nichts, leider.

Und doch, es gibt so ein paar Möglichkeiten, eine benutze ich gerade. Ich kann das erklären, mit Sprache, indem ich sie verwende, also deren Buchstabenzeichen. Die gefallen mir aber nicht, deswegen forme ich lieber die 10 einstelligen Zahlen [0-9] zu Farben um und weise sie Buchstaben in der Reihenfolge zu. Damit wirkt alles viel farbenfroher. 
Eine Alternative dazu: Ich ergreife in einem Gespräch ein bildhaftes Wort aus dem gesamten (für mich unzusammenhängenden) Gestammel heraus und schmücke es mit einer Geschichte von mir aus meinem bunten Leben. Das führt jedoch in der Regel zu Irritationen beim jeweiligen Gegenüber.   
Eine dritte Angehensweise ist das Herablassen auf die Sprache. Dann schalte ich einfach mein bildhaftes Denken aus und argumentiere nur noch nach der Logik. Meistens gelingt das aber nicht, weil ich erneut Metaphern benutze, auch wenn diese manchmal nur dazu dienen mir etwas Zeit zu verschaffen, wie z. B. "mir liegt es auf der Zunge" (ich schmecke das Wort, das ich suche). Die geäußerten Worte werden dann sprunghaft, was aber nichts mit meinen Bildergedanken zu tun hat. 
Eine vierte Methode ist das Erzählen einer Geschichte zwecks Umschreibung. Das gelingt mitunter ganz gut, sofern sich die Hörerschaft auf ein visuelles "Stell dir vor" einlässt.   

Was ich so festgestellt habe: Bilderdenker wirken langsamer als "Normalos", aber ehrlich (nicht ehrlicher). Menschen, deren Worte aus ihrem Hirn nur so fließen, die ihre Gedanken auf der Zunge haben, denken schneller und sind auch ehrlich. Die Gefahr besteht nur dahingehend, dass Sprach(-/Verbal)denker die Fähigkeit besitzen ihre Gedanken nicht ungefiltert aus dem Mund zu bringen, dazu reicht ein kurzes "Umdenken". Der Gebrauch dieser Unart nennt sich dann im äußersten (Regel-)Fall: Lüge. Bilderdenker können das auch, jedoch müsste sie sich dabei selbst betrügen. Warum? Weil Bilder von Bilderdenkern dreidimensional sind, geschriebene oder gedruckte Buchstaben bei Sprachdenkern eben nur in zwei Dimensionen existieren (in der Länge und der Breite). 

Die Frage wäre: Ist es eine Wahrnehmungsstörung, wenn man Buchstaben von ihren Zeilen befreit, sie im Raum schweben lässt, sie formt und ihnen Farben zuweist o. ä.? Beraube ich mir jetzt einer Art von Rhetorik, um zu verbildlichen, dass man Schreibfehler nur sehen, aber in ihrer gepressten Zweidimensionalität nicht hören, fühlen, riechen, tasten oder schmecken kann?  


Mein Beitrag hat keinen "roten Faden". Ich übersetze die zwei Wörter zwischen den Interpunktierungen jetzt auch nicht, weder in Zahlen noch in deren Farbkennung. Es hat (auch so) zu genügen. Ich nehme den Faden aus dem Nadelöhr, rolle ihn auf, lege das Stechinstrumentar ab und befördere beides in meinen Nähbeutel - verschließe ihn mit einem Ruck am Reißverschluss -, der wiederum in die unterste Schublade eines Nachtkästchens wandert. Da ist schon viel drin, aber das passt noch rein. Ich bin der Sprache zu müde, um alles genauer und überhaupt zu bebildern. Vielleicht existiert es deswegen auch nur ganz banal und beiläufig. Und doch kann jeder erfahren, meist unterbewusst, dass er bei einem Gespräch mit einem Bilderdenker auch Bilder empfängt. Sie schweben im Raum, man muss sich nur darauf einlassen. Das ist nichts anderes, als wenn man berieselt von Musik in andere Sphären geschwungen wird. Wach- und (die andere Realität der) Traumwelt fließen ineinander.  

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*Vielleicht genügt es auch, wenn unsere Sprache mehr bildhafte Wörter beinhalten würde.